Es gibt Studiengänge, unter denen sich niemand etwas vorstellen kann – das Physikstudium gehört dazu. Wenn ich erzähle, dass ich Physik studiere, gibt es zwei Standardreaktionen. „Was machst du da eigentlich?“ und „Oh, Gott – wie nerdig, damit wird man doch nichts?!“. Damit ihr euch diese Fragen nie wieder stellen müsst, werde ich euch kurz mein Studium vorstellen.

Was mache ich überhaupt?

Es gibt zwei Dinge, die das Physikstudium ausmachen: Mathematik und Grundlagenwissen. Im Bachelorstudium (3 Jahre) lernt man v.a. die mathematischen und physikalischen Grundlagen, um dann im Master (2 Jahre) eine Spezialisierung auszuwählen. Ich möchte mich erst mal auf das Bachelorstudium beschränken, weil der Master extrem schwer verallgemeinert werden kann.

Die ersten 1,5 bis 2 Jahre des Studiums belegt man Mathematik-Module: Analysis 1 bis 4, an manchen Unis auch HöMA, also Höhere Mathematik, und Lineare Algebra. Dort lernt man die Methoden, die man als Physiker später immer wieder anwenden muss: Differenzieren und Integrieren in diversen Dimensionen: man kann nicht nur nach x ableiten, außerdem gibt es auch sogenannte Volumenintegrale, wo man den 3D-Raum betrachtet. Differentialgleichungen lösen, mit Matrizen und Vektoren rechnen, mit komplexen Zahlen und Funktionen arbeiten (gibt es nämlich doch).  Man lernt Folgen und Reihen auszuwerten und als Grundlage für Näherungen verwenden. Hört sich alles unglaublich kompliziert und neu an, ist aber mit etwas Übung gar nicht so schwer. Die Besonderheit ist, dass man alles ohne CAS rechnen muss und viele Prüfungen entweder ganz ohne Hilfsmittel oder nur mit Formelzettel und Taschenrechner geschrieben werden. Das ist im ersten Moment eine große Umstellung, hat aber den Vorteil, dass man danach wirklich ein Gefühl für die Mathematik hat.

Dazu kommen Module im Bereich der theoretischen Physik, wo man zuerst auch grundlegende Prinzipien und Formeln lernt und nachher dann mathematische Formalismen, um physikalische Probleme so genau wie möglich zu beschreiben. Man könnte es fast als „Angewandte Mathematik“ bezeichnen.
Der Bereich, der am ehesten mit dem Physikunterricht aus der Schule zu vergleichen ist, ist die Experimentalphysik. Dort wird weniger auf mathematisch korrekte Lösungen wertgelegt und dafür auch mal erklärt, wie man eine bestimmte Größe misst oder wie etwas experimentell gefunden wurde. Ergänzend dazu gibt es Laborpraktika, in denen man Messtechniken und Fehlerrechnung kennenlernt.
Allgemein fängt man im Physikstudium bei null an: zuerst lernt man klassische Mechanik (Newton und so) und Elektrodynamik (also alles mit Strömen, elektrischen und magnetischen Feldern) kennen, um dann zu „moderneren“ Themen wie Relativitätstheorie, Quantenphysik und daraus resultierend Molekül-, Laser-, Festkörper – und Elementarteilchenphysik überzugehen. Auch in der Mathematik ist es ähnlich: zuerst beweist man die Existenz der Null und der Eins. Für mich war das vorteilhaft, weil ich selber in der Schule nur den Mathematik-Grundkurs ohne Prüfung und den Physik-Grundkurs belegt habe und damit entsprechende Lücken hatte.

Allerdings ist das Lerntempo an der Uni extrem hoch, sodass man Themen, die man in der Schule drei Monate lang behandelt hat schon mal in zwei Vorlesungen und einer Übungsserie abhandelt. Übungsserien? Ja, es gibt wöchentlich oder zweiwöchentlich in jedem Fach Übungsserien, die verpflichtend sind. Meist muss man 50% der Aufgaben am Ende des Semesters richtig gelöst haben, um an der Prüfung teilzunehmen. Grade in den ersten Semestern ist das sehr zeitraubend; ich musste damals vier Serien pro Woche abgeben, für die jeweils 2 bis 8 Stunden Bearbeitungszeit nötig waren. Später kommen dann Praktikumsprotokolle dazu, die ebenfalls recht viel Zeit in Anspruch nehmen. Das klingt nach viel Aufwand und ist sicherlich auch einer der Gründe, warum wenige Leute Physik studieren. Zumindest sollte man sich bei der Entscheidung für das Studium bewusst sein, dass man viel Zeit investieren muss und auch öfter Inhalte präsentiert bekommt, die man nicht restlos verstehen kann.

Eine Besonderheit an der Uni Rostock macht aber das Studium „erträglicher“: die Wahlpflichtfächer. Das sind Module, die nicht zwingend direkt mit Physik zu tun haben, aber trotzdem wichtig sind: Programmieren, Chemie-Grundlagen, Biophysik, BWL, Stochastik, Fremdsprachen, Windkraft … Die  Auswahl ist sehr groß und meist werden die Module von anderen Fakultäten angeboten, sodass man auch mit anderen Studenten in Kontakt kommt.

Wenn ihr euch noch weiter über das Physik-Studium informieren wollt, könnt ihr auch die Seite www.studium-in-physik.de besuchen. Dort gibt es auch ein Video, dass alle Infos rund um’s Physikstudium noch einmal zusammenfasst.

 

„Oh, Gott – wie nerdig, damit wird man doch nichts?!“

Natürlich gibt es –gerade durch Big Bang Theory befeuert- typische Klischees über Physiker. Sicherlich werden die auch von einigen erfüllt, aber es gibt genügend Gegenbeispiele. Viele meiner Kommilitonen sind sehr engagiert und aktiv: im Sport, im Studentenorchester, in der Fachschaft oder anderen hochschulpolitischen Gremien, im Schauspielbereich (Stichwort: Schauvorlesung) oder auch im politischen Bereich.

Ebenso liegen die Arbeitsmöglichkeiten für Physiker eher verdeckt. Natürlich zieht es viele in die Forschung, allerdings muss die nicht zwingend an der Uni stattfinden: viele Unternehmen haben eigene Forschungszentren, um neue Innovationen zu entwickeln. Bestes Beispiel ist sicher IBM mit seinem Forschungszentrum in Rüschlikon, Schweiz: http://www.research.ibm.com/labs/zurich/. Von dort kommen mehrere Nobelpreisträger! Aber auch in der Wirtschaft werden Physiker gesucht: zum Beispiel bei Rückversicherern, um das Risiko von Naturkatastrophen o.Ä. zu kalkulieren. Dort ist es vorteilhaft, dass Physiker sehr analytisch denken und gute Programmier- und Mathekenntnisse haben. Das ist auch im IT-Bereich sehr gefragt, sodass Physiker dort  schon mal für Informatiker typische Berufe ausüben. Der Weg ist wenig vorgezeichnet und oft ergeben sich Möglichkeiten, auf die man vorher nie gekommen wäre. So sind Physiker auch schon Regionalvertriebsleiter bei ALDI geworden…